Wenn die Trümmer Trauer tragen. Das Sterben der Südzentrale.

Es ist ein Schock für Befürworter der Südzentrale: Am 26. August rollen Bagger an, reißen Teile des Daches herunter. Die Arbeiten beginnen ohne Ankündigung und für viele völlig überraschend. Ist das nun das Ende des historischen Industriedenkmals?

Ginge es nach dem Eigentümer, der BGI Unternehmens- und Immobilienbeteiligungs GmbH aus Ibbenbüren, wäre die Südzentrale längst ein Haufen Schutt. “Wir werden in den nächsten Tagen weiter nach Plan abreißen”, sagt einer der Geschäftsführer, Josef Brickwedde. Zunächst gehe es darum, belastete Materialien abzutragen und zu entsorgen. Ob wirklich in den nächsten Tagen die große Abrissbirne kommt, ist unklar. Die Bagger sind erst mal wieder abgerückt. Und doch ist ein möglicher Abriss der Südzentrale so realistisch wie nie zuvor.

Und das trotz einer riesigen Bürgerbewegung. Hunderte Wilhelmshavener hatten sich in den vergangenen Jahren für den Erhalt des ehemaligen Kraftwerks eingesetzt. Der Verein zum Erhalt der Südzentrale hatte sogar einen Film über das Industriedenkmal drehen lassen und ein Gutachten zur Nachnutzung anfertigen lassen.

Doch was ist so besonders an der alten Industriebrache? In dieser Chronologie erzählen wir die Geschichte einer zerfallenen Ruine, die einst zu den wichtigsten Gebäuden der Stadt gehörte – und mehr als hundert Jahre später das Wir-Gefühl nach Wilhelmshaven brachte.

Kapitel 1: Was ist die Südzentrale?

„Sehen Sie das?“, fragt Rüdiger Nietiedt aufgeregt, als er über das Wasser zur Südzentrale blickt. „Wie das Abendlicht durch das Dach strahlt?“. Große Freude ist in diesem Moment in seinem Blick zu lesen. Aber auch viel Wehmut. Denn was mit dem Industriedenkmal geschehen wird, ist ungewiss.

Die Südzentrale, direkt neben der Kaiser-Wilhelm-Brücke am Hafen von Wilhelmshaven, war einst ein Kraftwerk. Bis 1993, seitdem schlummert das imposante Gebäude einen Dornröschenschlaf. Die Dachplatten haben sich gelöst, der Putz fällt von den Wänden. Und: Die Uhr tickt. Seit Jahren stehen Abrisspläne im Raum. Doch das will Rüdiger Nietiedt, Vorsitzender des Vereins zum Erhalt der Südzentrale, unbedingt verhindern.

Zu schade sei es um das Gebäude, das Wilhelmshaven Jahrhunderte lang mit Strom versorgt hat. Zu schade um die moderne Architektur im Jugendstil. Die Südzentrale ist eines der wenigen wirklich geschichtsträchtigen Gebäude in der Stadt Wilhelmshaven.

1908, ein Jahr nach der K. W.-Brücke, gebaut, gehört es zu den Industriebauten, die den Übergang zur Moderne dokumentieren. So wurde hier das damals neue Baumaterial Eisen reichlich verwendet. Das ehemals größte Kraftwerk in Deutschland versorgte Werft und Hafenanlagen mit Strom und erzählt damit Stadtgeschichte.

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Die Südzentrale von Innen

Inzwischen haben sich neben Rüdiger Nietiedt weit über 500 Menschen dem Verein zum Erhalt der Südzentrale angeschlossen. Mindestens genauso viele gibt es, die gegen das Gebäude sind – oder denen es einfach egal ist. Für viele ist die Südzentrale einfach nur ein vergammelter Schandfleck.

Hinzu kommen die Probleme der Stadt Wilhelmshaven: Sinkende Einwohnerzahlen, hohe Arbeitslosigkeit, viele Geschäfte und Wohnungen stehen leer. Und auch der JadeWeserPort läuft nicht so an, wie zunächst erhofft.

Die Sanierung der Südzentrale wäre da ein dicker Brummer: Die Stadt müsste das Gebäude von einer Immobilienfirma aus Ibbenbüren zurückkaufen. Die Sanierung des Gebäudes würde sich auf mindestens 20 Millionen Euro belaufen, wenn man nur die Fassade erhalten würde. Und ob die Nachnutzung dann überhaupt Anklang findet, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.

Seit einigen Wochen stehen erste Baucontainer auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks. Der Eigentümer kann das historische Gebäude jederzeit abreißen – eine Abrissgenehmigung liegt vor.

Kapitel 2: Das größte Kraftwerk Deutschlands.

“Dieses Gebäudes gehört zu Wilhelmshaven wie kein zweites”, sagt Corinna Nickel. Es ist das Jahr 2000, als sie für ihr Denkmapflegestudium eine Baudokumentation erstellen soll. Die gebürtige Wilhelmshavenerin entscheidet sich für die Südzentrale. Dass sich daraus eine unendliche Geschichte entwickeln würde, war seinerzeit nicht absehbar.

Den Verfall des Gebäudes hatte Corinna Nickel hautnah miterlebt. Während Ihrer Recherchen über die Südzentrale fand sie Erstaunliches heraus: Die Südzentrale ist nicht nur ein Gebäude – mit ihrer besonderen Architektur ist sie wohl eins der bedeutendsten Bauwerke der Stadt Wilhelmshaven.

Zusammen mit Lars Conrads hat Corinna Nickel die Geschichte der Südzentrale rekonstruiert. Und die verläuft ungefähr so:

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Corinna Nickel

Innerhalb kürzester Zeit wurde zwischen 1856 und 1865 ein neuer, perfekt ausgebauter Hafen der Kriegsmarine errichtet. Wilhelmshaven entstand zu dem Zeitpunkt erst – Zollern am Meer sollte die Stadt ursprünglich heißen.

Mit der Vergrößerung der Flotte wuchs aber auch der Energieverbrauch. Wilhelmshavens Bauwerft bekam in den Jahren 1903 bis 1905 ein erstes Kraftwerk: die Nordzentrale, direkt auf dem Gelände der Werft. Da die Leistungen der Nordzentrale zu gering waren, erbaute man ein weiteres, größeres Kraftwerk: die Südzentrale.

Das Areal für die Südzentrale bestand seit Aufbau der Stadt Wilhelmshaven und wurde laut Nickel für einen besonderen, repräsentativen Bau freigehalten. Diese Repräsentativität sollte diese Südzentrale erfüllen. Kaiser Wilhelm II. ließ den Marinebaumeister Fritz Riekert engagieren, um das Gebäude zu planen. Das Kraftwerk wurde im Ensemble mit der Kaiser-Wilhelm-Brücke errichtet.

Mit der Südzentrale sollte in Wilhelmshaven das größte Kraftwerk Deutschlands entstehen. Darum wurde auch von vornherein mit Erweiterungen geplant. Nach dem Bau des Kraftwerks 1911 begann man nach den Recherchen von Corinna Nickel 1914 mit der Verlängerung der Maschinenhalle, des Schaltgebäudes und des Kesselhauses. 1918 plante man eine zweite Erweiterung der Maschinenhalle. Weitere wichtige Umbauten  geschahen in den dreißiger Jahren.

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Quelle: Verein zum Erhalt der Südzentrale

Den zweiten Weltkrieg überstand die Südzentrale unbeschadet. Danach wurde ein letztes Mal ein Kesselhausanbau errichtet, um die Leistung des Kraftwerks zu steigern. 70 Mitarbeiter sorgten seinerzeit im Schichtbetrieb für einen reibungslosen Betrieb. Laut Nickel und Conrads war die Südzentrale zu dieser Zeit auch bei Schulklassen als Ausflugsort äußerst beliebt.

1947 pachtete die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG, später Preußen Elektra, heute Eon, das Kraftwerk und versorgte so zunächst auch noch Teile der Stadt mit Strom. Ab dem Jahre 1963 wurde dann das neu aufgebaute Marinearsenal mit Wärme beliefert.

Nach 30-jähriger Laufzeit liefen die Pachtverträge der Preußen Elektra 1993 aus, die Kesselanlagen wurden demontiert und entsorgt. Auch die großen Schornsteine auf dem Dach wurden abgebaut.

Große Pläne hatte die Stadt zunächst mit dem Gelände der Südzentrale. Das Marinemuseum sollte in das alte Kraftwerk ziehen. Doch es kam alles anders. “Der private Förderverein des Marinemuseums war leider nicht so mutig”, sagt Corinna Nickel. Statt für die Südzentrale hat man sich für den Scheibenhof entschieden. “Allerdings bestand der Förderkreis auch nur aus einer kleinen Gruppe”. Dass das Marinemuseum mal mehrere Tausend Besucher jährlich nach Wilhelmshaven ziehen würde, hätte man nicht ahnen können.

“Leider gab es danach keine weiteren Ideen. Und auch das Denkmalamt in Wilhelmshaven war nicht ganz so mutig”, so Nickel. Der Anfang vom Ende. Das Kulturdenkmal wurde an einen privaten Investor verkauft und wurde dann zum Spekulationsobjekt, das sich nicht mehr verkaufen ließ.

Bis 1998 wurde die Betriebswohnung der Südzentrale im Bürotrakt von der Stadt als Sozialwohnung vermietet. Die letzten Mieter zogen im November 1998 aus. Sie hinterließen damit ein offenes, nicht abgesichertes Gebäude und gaben es dem Verfall und Vandalismus frei.

Kapitel 3: Der Verfall.

Eine scheinbar endlose Diskussion beginnt in den folgenden Jahrzehnten. Immer wieder werden Abrisspläne laut. Am 14. Oktober 2006 schreibt die Wilhelmshavener Zeitung:

Ein Abbruch des Gebäudes würde nicht nur das Gesamtensemble mit der K.W.Brücke zerstören, sondern auch die Silhouette Wilhelmshavens deutlich verändern, befürchtet Architekt André Winter, der mit seinen Mistreiterinnen Corinna Janßen und Bettina Brosowsky dafür plädierte, das Gebäude zunächst für rund 700.000 Euro in „Dach und Fach“ zu sichern, um es dann mit einem Investitionsaufwand von weiteren 300.000 Euro für eine zeitweise Nutzung – etwas als Lagerhalle für Container – herzurichten.

„Für eine Million Euro kann ein Gebäudewert von vier Millionen Euro geschaffen werden.“ Betriebswirtschaftlich rechne sich eine Sanierung des Gebäudes nicht, räumte Winter ein. Die Nutzung für hafenwirtschaftliche Zwecke etwa, so sagte Klaus-Dieter Kottek wäre unwirtschaftlich. Allerdings: Auch ein Abriss – die Genehmigung dafür wurde bereits ausgesprochen – ist nicht lohnend, auch weil das Gebäude derzeit als Lärmschutzwand zwischen Hafen und den Wohnhäusern in der Südstadt fungiert. „Wir befinden uns in einer Hängepartie.“, so Kottek.”

Fünf Jahre später der nächste Schock für die Befürworter des Gebäudes. Die Wilhelmshavener Zeitung berichtet am 24. Februar 2011:

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber nun scheint auch für die „Südzentrale“ das Ende bevorzustehen. Der Eigentürmer, die BGI Unternehmens- und Immobilienbeteiligungs GmbH aus Ibbenbüren, hat in den vergangenen Tagen die Bäume auf dem etwa 7000 Quadratmeter großen Gelände im Dreick zwischen Rheinstraße, der Auffahrt zur Kaiser-Wilhelm-Brücke und dem Südwestkai fällen lassen bzw. ist noch dabei, dies zu tun. Diese Maßnahme dient, so der Sprecher der BGI, Karl-Heinz Mucke, der Vorbeugung.

Es solle verhindert werden, dass dort Vögel Nester bauen und brüten, damit einem Abriss der Südzentrale keine Steine in den Weg gelegt werden können. Der Abriss, so Mucke, werde sofort in Angriff genommen, wenn der Vertrag mit einem Nachnutzer des Geländes notariell beglaubigt ist. Gegenüber der WZ erklärte Mucke gestern, es gebe zwei Interessenten. Als mögliche Nachnutzung nannte er die Bebauung mit einer Mischung aus Geschäfts- und Wohnbebauung.

Die BGI ist der vierte Besitzer des Objektes, nachdem der Bund es im Jahre 1988 verkauft hat. Die Stadt selbst war nie Eigentümer des Objektes bzw. des Areals. Ungeachtet der wechselnden Besitzverhältnisse ist zu keinem Zeitpunkt der ernsthafte Versuch unternommen worden, für das Gebäude eine wirtschaftlich tragbare Nutzung zu finden. Die Ideen reichten von der Ausdehnung der Museenlandschaft auf der südlichen Seite des Hafens bis hin zur hafenbezogenen, gewerblichen Nutzung.”

Zum Abriss kommt es nicht. Stattdessen kommt im Juli 2011 erneut Bewegung in die Diskussion um die Südzentrale. Die bisherige Initiative zum Erhalt des Kulturdenkmals gründet einen Verein. Die Wilhelmshavener Zeitung schreibt am 22. Juli 2011:

Seit der Sperrung der Kaiser-Wilhelm-Brücke schlummert auch deren kulturhistorisch wertvolles Umfeld anscheinend unbeachtet vor sich hin. Doch die Ruhe täuscht: Seit dem Symposium „Südzentrale – war’s das?“, das Mitte Juni im Marinemuseum abgehalten wurde und auf große Resonanz stieß, ist neue Bewegung in den Kampf zum Erhalt des kaiserlichen Marinekraftwerks gekommen.

Am Ende des Symposiums stand der Beschluss, mit einem eingetragenen Verein die vielfältigen Bestrebungen zum Erhalt der Südzentrale zusammenzuführen und auf ein festes Fundament zu stellen. Jetzt fand die Gründungsversammlung für den „Verein zum Erhalt der Südzentrale e. V.“ statt.

Die Mitglieder waren sich einig über die Notwendigkeit und die Ziele des Vereins. Die Stadt müsse für die Denkmalpflege sensibilisiert und das öffentliche Bewusstsein dafür gestärkt werden. Ganz wichtig sei es, die Wirtschaft in den Prozess und die Aktivitäten zum Erhalt der Südzentrale einzubinden und Potenziale für die zukünftige Nutzung aufzuzeigen. Für den Verein ist das Denkmals-Ensemble aus Südzentrale und KW-Brücke der Hin­gucker in der Südstadt.

Einstimmig wählten die 15 Gründungsmitglieder Rüdiger Nietiedt zum 1. Vorsitzenden sowie Oda Griesemann und Corinna Nickel als stellvertretende Vorsitzende. Zum Vorstand gehören weiterhin Markus Bulla (Kassenwart), Volkmar von Nordeck (Schriftführer) und Imke Zwoch (Pressewartin). Dr. Stefan Huck, ­Michaela Schweers-Sander und Frank Morgenstern unterstützen als Beirat den Vorstand bei seinen Aufgaben.”

Kapitel 4: Der Verein.

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Volkmar von Nordeck und Rüdiger Nietiedt

Es gab Zeiten, da wollte der Vorsitzende des “Vereins zum Erhalt der Südzentrale” gar nichts mit dem zerfallenen Gebäude zu tun haben. “Ein Schandfleck”, dachte sich auch Rüdiger Nietiedt seinerzeit. Gegen einen Abriss hätte er nichts gehabt. “Ich hätte es schön gefunden, dort Ordnung zu schaffen.”

Volkmar von Nordeck war das Gebäude eher als “Drecksschleuder” in Erinnerung. “Ich bin in der Südstadt aufgewachsen und habe täglich auf das Kraftwerk geblickt”, erzählt er. “Wenn in den Sechziger oder Siebziger Jahren der Kamin gereinigt wurde, waren die Autos am nächsten Tag voll mit Ölflecken”, erinnert er sich. “Die Bedeutung des Gebäudes war mir damals in keinster Weise klar.”

Beide, sowohl Nietiedt als auch von Nordeck, denken heute anders über das ehemalige Kraftwerk. “Ich hatte vor einigen Jahren die Gelegenheit an einem Symposium teilzunehmen. Da hat mich das Thema gepackt.” Als der Verein gegründet wurde hatte Nietiedt erstmals nach 30 Jahren Abstinenz wieder die Gelegenheit, das Gebäude zu betreten. Der Besuch hinterließ Spuren.

“Ich war von Anfang an begeistert von diesem wunderschönen Gebäude. Von Turbinenhalle, von der traumhaften Stahl-Nietkonstruktion und von den Jugendstilgeländern. Und mir war klar: Dieses Gebäude muss erhalten bleiben”, erzählt Nietiedt.

Von seinen Plänen erzählte Nietiedt auch seinem Freund Volkmar von Nordeck. Eine “Drecksschleuder” ist die Südzentrale für ihn nicht mehr. Er kämpft ebenso engagiert für den Erhalt des ehemaligen Kraftwerks.

Der Verein zum Erhalt der Südzentrale existiert nun seit 2011. Zunächst wurde versucht mit Ständen auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen für das Thema Südzentrale und den Verein zu werben. Unter anderem nahmen die Mitglieder am Landeskulturfest, an Stadtteilfesten und am Wochenende an der Jade teil – die Mitgliederzahl des Vereins stieg stetig.

Einen großen Schub brachte auch noch ein extra für den Verein produzierter Film, der im Kino aufgeführt wurde. “Dadurch haben wir mehr als 100 Mitglieder dazugewonnen”, so Nietiedt. Inzwischen zählt der Verein weit über 500 Mitglieder.

Kapitel 5: Als Wilhelmshaven das Wir-Gefühl entdeckte

Dass die Nachnutzung alter Industriebrachen funktionieren kann, zeigen Projekte in anderen Regionen. Stünde die Südzentrale im Ruhrgebiet, dann wäre sie wohl längst ein Museum, eine Veranstaltungshalle oder ein Künstlerhaus. Der Strukturwandel hat dem ehemaligen “Kohlepott” viele Orte der Kultur und Kunst beschert – Zechen wurden nach der Stillegung zu Ausstellungsräumen umfunktioniert, in alten Maschinenhalle kann geheiratet werden, Gasometer sind heute Kletterparks.

Und: Die Menschen sind stolz auf ihre Region. Die Industriedenkmäler gehören zu ihrer Geschichte. Auch Städte im Norden, wie beispielsweise Hamburg, zeigen, wie die Nachnutzung alter Industriebrachen funktionieren kann.

In Wilhelmshaven scheinen solche Vorhaben schwierig. “Die Stadt hat keine Lobby”, sagt beispielsweise Architektin Oda Griesemann, die sich ebenfalls im Verein zum Erhalt der Südzentrale engagiert, in einem Interview. Doch Anfang des Jahres passiert etwas ungewöhnliches.

Es ist der 14. Februar 2014, an dem sich dutzende Wilhelmshavener auf der Kaiser-Wilhelm-Brücke versammeln. Hand in Hand stehen sie da. Der Plan: Eine Menschenkette, rund um das Gebäude. Sie wollen ein deutliches Zeichen setzen: Die Südzentrale gehört zu Wilhelmshaven, einen Abriss gilt es zu verhindern. Ein altes, zerfallenes Gebäude hat in den Wilhemshavenern etwas geweckt, dass es bis dato nicht gab: Das Wir-Gefühl.

Auslöser für diese Stimmung ist ein Film über das alte Kraftwerk, produziert von Studenten der Jade Hochschule, in Auftrag gegeben vom Verein. Der Streifen treibt hunderte in die UCI-Kinowelt. Die Stimmung vor und nach dem Film ist eindeutig: Die Südzentrale muss erhalten bleiben.

In dem Werbefilm erzählt die Südzentrale ihre traurige Geschichte aus der Ich-Perspektive. Zu Wort kommen Menschen, denen das Gebäude etwas bedeutet – aber es werden Möglichkeiten zur zukünftigten Nutzung gezeigt. Dafür ist das Videoteam beispielsweise nach Hamburg gereist und hat sich die Nachnutzung alter Industriebauten angesehen.

“Ich finde es toll, dass die Wilhelmshavener mal gemeinsam für eine Sache einstehen”, sagt Christopher Groß nach der Aufführung des Films in der UCI-Kinowelt. Zusammen mit seinem Kollegen Andree Betten und der freien Journalistin Carola Schede hat er den Dokumentarstreifen produziert.

“Die Südzentrale ist ein geiles Thema”, so Groß. “Hinter dem Gebäude steckt mehr als ein paar Klötze Stein. Da mussten wir einen langen Film von machen.”

“Dieses Wir-Gefühl ist berührend”, sagt auch Carola Schede. “Es geht hier um die Zukunft der Menschen, die hier leben und sich bewusst entschieden haben, hier leben zu wollen.” Die Südzentrale stehe für ein Stück Bewegung in Wilhelmshaven. “Und das haben wir auch gewollt, mit voller Macht.”

Ein bisschen überraschend kam die große Resonanz auf den Film allerdings schon. “Wir haben zwar gedacht, dass wir es schaffen ein paar Leute ins Kino zu locken. Dass das so eine Dimension annimmt, hätten wir nie geglaubt – darauf kann man aufbauen”, so Andree Betten.

Kapitel 6: Das Gutachten.

So stark der Zusammenhalt der Wilhelmshavener, so entschlossen der Plan der Eigentümer. Der kündigt im Februar 2014 wiederum den Abriss der Südzentrale an.

„Wir werden in den nächsten 14 Tagen mit dem Abbruch beginnen“, sagt  Josef Brickwedde von der BGI Unternehmens- und Immobilienbeteiligungs GmbH in Ibbenbüren am 22. Februar gegenüber der “Wilhelmshavener Zeitung”.

Ihm persönlich täte das Verschwinden des Gebäudes auch weh, er sehe aber keine andere Möglichkeit. Man habe 15 Jahre gewartet, in denen das Objekt nur Kosten verursacht habe. „Wir wollen das Gelände gemeinsam mit der Stadt Wilhelmshaven entwickeln“, so Brickwedde. Dabei gehe es mit Blick auf eine gewerbliche Nutzung auch um eine Bebauungsplanänderung für das derzeitige Sondergebiet Hafen.

Oberbürgermeister Andreas Wagner zeigte sich überrascht von der Entwicklung. „Es wäre schade, wenn jetzt auf Grund von Befindlichkeiten – auf der einen Seite rumort der Verein, auf der anderen Seite fühlen sich dadurch die Eigentümer unter Druck gesetzt – die Sache scheitern würde“, sagte Wagner. Angesichts der aktuellen Situation werde es nun „sehr schwierig“. Er wolle aber im Bemühen um eine Lösung nicht nachlassen.

Der Vorstand des Vereins sieht keinen Grund für Schnellschüsse zum Abbruch der Südzentrale. Man rechne mit acht Wochen für die Ausarbeitung eines Gutachtens durch die Profund Consult und glaube, dass dieses eine realistische Zukunftsperspektive ergeben könnte. Die Abrissgenehmigung bis Ende des Jahres lasse den Eigentümern im Falle eines Falles noch genug Zeit. Ein Abriss jetzt könne dagegen angesichts der Planungshoheit der Stadt ein „Schuss ins Ungewisse“ sein.

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Der Haken des Portalkrans im Innern der Südzentrale

Das Gutachten wird einige Monate später, am 18. Juni, der Öffentlichkeit vorgestellt.

Fazit: Die Südzentrale könnte mit ihrem Standortpotenzial eine Schlüsselrolle für die touristische Entwicklung Wilhelmshavens übernehmen. Gleichzeitig würde das wiederbelebte Industriedenkmal positive Impulse auf die östliche Südstadt ausüben.

Die Markt- und Nutzungsanalyse, die Standort- und Nachfragefaktoren vor dem Hintergrund eines Freizeit- und Kulturangebots beleuchtet, kommt zu dem Schluss, dass ein Nutzungsmix der Südzentrale die besten Überlebenschancen böte.

Dabei schlägt man zwei „Ankerthemen“ vor: Erstens ein von der Tourismus & Freizeit GmbH zu betreibendes Welcome-Center als Drehscheibe zur Information und Lenkung von Wilhelmshaven-Besuchern, Stadtmuseum plus Kabinett zur Baugeschichte des Objekts. Zum Zweiten ein Kunstforum als überregional ausgerichtetes Kunstmuseum, das Schenkungen und Leihgaben aufnehmen könnte.

Auf der Habenseite stünde ein Gebäude mit hohem Identifikationspotenzial, der Wert als industrielles Baudenkmal und das Potenzial als Schlüsselgrundstück, Knotenpunkt zwischen touristischen und kulturellen Nutzungen am Südstrand und am Bontekai. Hinzu komme das Entwicklungspotenzial am Wasser. Als Risiken führt das Gutachten mögliche Nutzungskonflikte mit einer Hafennutzung bei gleichzeitigem Schutzbedürfnis der Wohnbebauung, das Sanierungsrisiko sowie ein Altlastenrisiko im Zusammenhang mit Abrissaktivitäten auf.

Profund Consult empfiehlt die Erhaltung der Maschinenhalle als Herzstück der Anlage (ca. 1200 m²) und öffentlich zugängliches Denkmal, nutzbar für Events und Wechselausstellungen, sowie die Sanierung des Kesselhauses (2100 m²). Das westlich angebaute Schalthaus (1360 m²) könne besser durch einen Neubau ersetzt werden, um die Kunstobjekte sicher zu beherbergen. Die Attraktivität müsse ausreichen, um eine Einwohnerzahl von gut 3 Millionen anzusprechen. Die am weitesten Entfernten müssten dann maximal 90 Minuten Fahrzeit auf sich nehmen.

Bereits in einem 30-Minuten-Umkreis komme man auf ein städtisches Übernachtungspotenzial von 660.000 Menschen, wovon z.B. das Marinemuseum bis zu 15 Prozent abschöpfe (rund 100.000 Besucher pro Jahr), das Küstenmuseum trotz interessanter Themen aber nur 1 Prozent. Letzteres wäre daher erster Kandidat für eine Neuaufstellung in der Südzentrale. Das Besucheraufkommen schätze man auf 200.000 bis 250.000 jährlich, sagte Redies. Als „Zeitzeugenobjekt mit Charisma“ aus historischer Substanz und Neubau könne die Südzentrale „genau das Produkt sein, was der Stadt noch fehlt“.

Kapitel 7: Kein Gespür für den kulturellen Wert.

Am 1. August protestieren erneut 400 Menschen am Fuß der Kaiser-Wilhelm-Brücke friedlich gegen einen Abriss und für eine neue Nutzung der benachbarten Südzentrale. Die vom Verein zum Erhalt der Südzentrale organisierte Kundgebung endete mit einer Menschenkette über die KW-Brücke als Symbol der Solidarität mit dem ehemaligen Kraftwerk der Kaiserlichen Marinewerft.

„Wir wollen Rat und Verwaltung zwingen, sich zu positionieren und gegebenenfalls dann auch die Verantwortung dafür zu tragen“, sagt Vereinsvorsitzender Rüdiger Nietiedt.

In der Ratssitzung wird das Thema diskutiert: Wilhelmshaven fehlt es nach Einschätzung der Ratsmehrheit und der Stadtverwaltung das Geld, um die denkmalgeschützte, aber marode Südzentrale kaufen und in eigener Regie sanieren zu können. Ein Grund: Die Anforderungen des Denkmalschutzes.

Ein Eigentümer Stadt müsste das äußere Erscheinungsbild des Ensembles und die Kubatur des Gebäudes erhalten. Überlegungen, lediglich einige Elemente der markanten Fassade zu stabilisieren, und dahinter einen modernen Neubau etwa für ein städtisches Kulturforum zu errichten, sind damit vom Tisch.

„Es wäre für mich als gebürtigem Wilhelmshavener unheimlich traurig, wenn die Eigentümer die Südzentrale abreißen würden“, sagt der Sprecher der CDU-Ratsfraktion Stephan Hellwig gegenüber der WZ. „Aber die Stadt hat einfach nicht das Geld, 20 bis 25 Millionen Euro für die Sanierung auszugeben.“ Ähnlich sieht es SPD-Fraktionschef Karlheinz Föhlinger. „Der Verein zum Erhalt der Südzentrale hat 400 Mitglieder. Wir als Rat sind aber für die ganze Stadt verantwortlich.“

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Wilhelmshavener demonstrieren für den Erhalt der Südzentrale

Hellwig und Föhlinger verweisen auf den hohen Finanzbedarf in anderen Bereichen der Stadt: die Fusion der Krankenhäuser, die Umsetzung der Schulentwicklungsplanung, die maroden Straßen und, und, und. Vor diesem Hintergrund sei es nicht verantwortbar, ein gerade durch Denkmalschutz-Auflagen unkalkulierbares Finanzierungsrisiko einzugehen.

Die einzige Zukunftschance für die Südzentrale sehen die Spitzen von CDU und SPD in einer privaten Lösung. Denkbar sei ein privater Investor, der das Areal kauft und mit dem sich die Stadt darauf verständigen könnte, dass sie später Räume etwa für ein Kunstforum anmietet. Der Private könnte auch eine vom Förderverein gegründete Genossenschaft oder Stiftung sein, die von der Stadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt werden könnte.

Für private Investoren, so vermutet Oberbürgermeister Andreas Wagner, wäre es deutlich leichter, bestimmte Auflagen des Denkmalschutzes als „unzumutbar“ einstufen zu lassen. „Die Stadt als Eigentümer würde der Denkmalschutz voll treffen.“ Wagner verweist darauf, dass Überlegungen aus der Verwaltung zu einem Kunstforum- Neubau (bei Erhalt von Teilen der Südzentralen-Fassade) auch vom Förderverein abgelehnt wurden.

Er geht für den Fall der Sanierung des Gebäudes unter städtischer Führung von Kosten von 25 bis 35 Millionen aus. Ob sich die Stadt das leisten könne und wolle, sei letztlich eine Entscheidung des Rates, die aber noch aussteht. Dem Verein zum Erhalt der Südzentrale hält Wagner vor, sich bislang zwar intensiv mit Nutzungskonzepten befasst, aber nie die Finanzierung thematisiert zu haben: „Der Traum vom Erhalt der Südzentrale ist redlich, vielleicht kommt er aber 25 Jahre zu spät.“

Zwei Wochen später kritisiert der Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Horst v. Bassewitz, in einem offenen Brief an Wagner den Umgang mit dem Industriedenkmal.

Basseweitz fordert Wagner auf, die bereits erteilte Abbruchgenehmigung für des Gebäudes zurückzuziehen und „alles zu unternehmen, um die Südzentrale als unverzichtbares historisches Erbe der Stadt Wilhelmshaven zu retten“. Es sei dringend geboten, ernsthaft darüber nachzudenken, „ob unsere Generation ihren Enkeln ein von echten Geschichtszeugnissen weitgehend bereinigtes Land hinterlassen will“.

In Wilhelmshaven habe die Abriss-Debatte kein Gespür für den Wert des kulturellen Erbes der Stadt erkennen lassen. Dies trotz mehrfach wiederholter Proteste und diverser Nutzungsvorschläge seitens der Bürger und engagierter Vereinigungen.

Kapitel 8: Das Ende der Südzentrale?.

Völlig überraschend werden am 26. August Teile des Daches der Südzentrale abgerissen. Die BGI Unternehmens- und Immobilienbeteiligungs GmbH (Ibbenbüren) hat als Eigentümer der Südzentrale die Firma Mucke mit dem Abriss beauftragt, die deren zweitem Geschäftsführer Karl-Heinz Mucke gehört.

Mit der Abrissaktion am Dach haben die Eigentümer auf einen Vorfall reagiert, der der Polizei am Vorabend gemeldet worden war. Demnach hatte eine Zeugin gesehen, wie sich Kinder auf dem Dach des Nebengebäudes aufhielten. Daraufhin wurde die Polizei tätig verwies die Kinder des Grundstücks.

Wie es nun weiter geht, darüber herrscht große Unklarheit. Die Bagger sind zunächst wieder abgerückt. Die Abrissgenehmigung ist jedoch gültig – die letzte Stunde der Südzentrale hat geschlagen. Und für Freunde des alten Gemäuers wird die Zeit für eine mögliche Rettung immer knapper.

Eine Reportage von Matthias Schwarzer. Texte: Matthias Schwarzer, Gerd Abeldt, Norbert Czyz, Ulrich Müller-Heinck. Video: Matthias Schwarzer, Puzzle Pictures. Fotos: Privat, Verein zum Erhalt der Südzentrale, Rudi Knothe, Dirk Gabriel-Jürgens, Björn Lübbe